|
Lajos Kassai und der Falke - die Entstehung
eines Bogens
Der Hunnenbogen und seine jüngsten
Geschwister
Lajos Kassai ist einer jener seltenen Menschen,
die nicht nur in der Ausübung ihrer Kunst, sondern auch
in der Herstellung ihrer Werkzeuge Meister sind. Das hat
wohl auch mit seinen Wurzeln in den Traditionen seines Heimatlandes
Ungarn zu tun, das über viele Jahrhunderte Wanderweg, Schlachtfeld
und Heimat der verschiedenen asiatischen Reitervölker war.
Er schreibt:
"Ja, unsere Vorfahren,
die Hunnen, waren die großartigsten berittenen Bogenschützen
der ganzen Welt! Ich malte mir die wilden Galopps aus, den
Schaum vor dem Maul der Pferde, die zum Schuss bereiten
Bögen. Was für ein wundervolles Gefühl! Ich wollte wie sie
sein, ein furchteinflößender und furchtloser Krieger, ein
wahrer Adlerschütze. Kein Weidenbaum, kein Walnussstrauch
war vor mir sicher, jeden durchsuchte ich nach Zweigen,
die sich für einen guten Bogen eigneten, ich baute sogar
Eimerhenkel zu Bögen um, alles, das biegsam war und das
ich biegen konnte. Meine Begeisterung verließ mich auch
während der Schulzeit nicht. Mein Großvater sagte mir immer
wieder, ich solle damit aufhören, ich würde doch niemals
einen Beruf daraus machen können. Ich kann mich nicht erinnern,
dass er sich jemals geirrt hat - mit dieser einen Ausnahme."
(Bogenschiessen vom Pferd)
|
Er wurde also Bogenbauer, aber immer schon mit der
Absicht, diese Bögen auch zu verwenden. Und nicht
irgendwelche Bögen, sondern die seiner Vorfahren,
zu denen er auch die Hunnen zählt. Warum er dazu moderne
Materialien verwendet (Glasfiber, Karbon, Teflon,
etc.) ist schnell erklärt:
"Ich habe die ursprünglichen Methoden aufgegeben
und gesagt, dass man nicht den Ahnen folgen sollte,
sondern dem, dem die Ahnen gefolgt sind."
|
|
Die Technologie, welche für die FITA-Bögen
und für moderne Compoundbögen wichtig ist (inklusive des
finanziellen Hintergrunds), steht für die ungarischen Bogenbauer
nicht zu Verfügung. Die traditionelle Bogenfertigung ist
hingegen eine ganz andere Ebene, da werden die Bögen von
Hand gefertigt. Dazu ist Berufung, Kreativität und handwerkliches
Geschick nötig. In diesem Bereich stehen die ungarischen
Bogenbauer an der Weltspitze, und an dieser Aussage ist
nichts übertrieben. Leider sind sich sehr Wenige darüber
klar. So, wie auch Wenige sehen, welche Prozesse auf den
verschiedenen Ebenen des traditionellen Bogenschiessens
ablaufen.
|
Nachdem Lajos Kassai im Bogenschiessen am Boden zahlreiche
Erfolge gefeiert hatte, war der nächste Schritt nur
folgerichtig: das Bogenschiessen vom Pferd. Hier zeigte
sich zum einen, dass die bislang ausgeübte Technik
untauglich war, zum andern, was seine Bögen im harten
Gebrauch taugten. Über den besten "Stil" schreibt
er:
"Einen Anfänger im Bogenschiessen kann man durch
seine Frage erkennen, welches der beste Stil im Bogenschiessen
sei und was es ist, das er üben sollte. Den Stil im
Bogenschiessen bestimmt das Ziel. Wenn du am Boden
Bogenschiessen willst, dann lohnt es sich nach denjenigen
Prinzipien zu üben, die die Besten in dieser Kategorie
verwenden.
Wenn du vom Pferd Bogenschiessen willst, solltest
du ähnlich handeln. Die Methoden, die Techniken sind
völlig unterschiedlich, was allen gleich ist, dass
sie versuchen, sich an die Umstände anzupassen.
|
|
Infolgedessen sollten diejenigen berittenen
Bogenschützen nicht überrascht sein, von den Bogenschützen
am Boden besiegt zu werden. Diejenigen verwenden im besten
Fall die für dieses Ziel entwickelten Techniken und ihre
Übungen dienen auch diesem Ziel. Umgekehrt ist es auch völlig
offensichtlich, dass eine dem Bogenschiessen am Boden dienende
Technik auf dem Rücken eines galoppierenden Pferdes völlig
nutzlos ist. Andere Vorbereitung, andere Leistung.
Ich habe viele laut geäusserte Gegensätze
zwischen den beiden Sportarten gehört, aber Gemeinsamkeiten
noch nie. Beide Richtungen verlangen nach ernsthafter Anstrengung
und repräsentieren grosse Werte. Das koreanische Fernsehen
hat mit mir eine Reportage gemacht, sie haben mein Bogenschiessen
vom Pferd gefilmt und in den Himmel gelobt, dann baten sie
mich, vom Pferd zu steigen, um auf die Scheiben zu schiessen,
die die hübsche Reporterin in die Luft warf. Vom galoppierenden
Pferd habe ich kein Problem in 20 Sekunden 12 geworfene
Scheiben zu treffen, und mit diesem Hochmut und zufriedenen
Lächeln trat ich vor diese Aufgabe. Die erste Scheibe flog
in einer schönen Bahn und war auch nicht weit entfernt.
Daneben! Dann die zweite, die dritte, und es gelang mir
endlich die vierte zu treffen. So eine Schande! Ich sah
die Scheibe, aber ich wartete noch auf etwas, das gewohnte
Gefühl, den Sprung des Pferdes, den Höhepunkt des Galoppsprungs,
aber da kam nichts. Ein unmittelbarer Kurzschluss. Gott
weiss, wieviele Scheiben ich schon zum Sieb zerschossen
habe, aber fast ausschliesslich nur vom Pferd, nicht vom
Boden. Diese kurze Geschichte empfehle ich denjenigen Bogenreitern,
die glauben, nur deswegen, weil sie vom Pferd schiessen,
besser zu sein als die Bogenschützen am Boden. Du bist dort
gut, wo du etwas übst, und wenn du es voller Hingabe machst,
erreichst du ausgezeichnete Ergebnisse.
Es gibt aber im Bogenschiessen keine
Art, die über die andere gestellt werden darf, und das ist
der Satz, deswegen ich die Feder in meine Hand genommen
habe anstelle meines Bogens. Dass in Ungarn das Bogenschiessen
von Pferd wie auch vom Boden tiefe geschichtliche Wurzeln
hat, hat zur Folge, dass es immer mehr Menschen ausüben.
Wenn es aber nicht so wäre, würden es auch viele ausüben,
einfach deswegen, weil Bogenschiessen gut ist. Es gibt also
keinen besten Stil, deshalb lautet die richtige Frage so:
Was ist das, was ich am liebsten mag? Für mich lautet diese
einzige Frage, über deren Antwort ich niemals nachdenken
musste: Bogenschiessen vom Pferd. Nach fast 20jähriger Übung
habe ich noch immer mehr Fragen als Antworten zu diesem
Thema. Wenn es aber Menschen gibt, die es wollen, nehme
ich mir die Zeit, um meine bisherigen Erfahrungen mitzuteilen."
Kassai Lajos, Bogenschütze aus Freude
Lajos ist kein Einzelkämpfer. Sehr schnell
haben seine Aktivitäten interessierte Menschen angezogen
und die Schule wurde gegründet. Das machte es notwendig,
aus der individuell entwickelten Technik ein Lehrsystem
zu erarbeiten, das jedem Schüler ermöglicht, die für seinen
aktuellen Wissensstand adäquaten Lernschritte zu setzen.
Eine Konsequenz des Lehrsystems sind die Wettkämpfe. Dort
geben alle Schützen ihr Bestes und ermöglichen so die Objektivierbarkeit
der individuellen Leistungen.
Die Wettkämpfe sind aber auch für die Bogenentwicklung
sehr wichtig, Lajos schreibt:
|
"Das Bogenschiessen vom Pferd und die Qualitätsverbesserungen
den Bögen entwickeln sich parallel. Die am besten
nutzbaren Informationen haben die Wettkämpfe und die
Weltrekorde geboten […] Der gute Reiterbogen hat einen
langen Auszug, bei geringem Kraftaufwand wird grosse
Wirkung verlangt, und er soll leicht sein. Jeder Bogensport
braucht seinen eigenen Bogentyp. Die besten Bogenmacher
haben grosse Erfahrungen in dem Stil, für welchen
sie die Bögen schaffen. Sie halten regelmässig Wettkämpfe
ab und beobachten die Wahrnehmungen derer, die die
Bögen benutzen. Die Schönheit des Produzierens historischer
Bögen liegt darin, dass diese Produkte nicht am Fliessband
erzeugt werden können. Auch die in grosser Anzahl
gefertigten Bögen sind einzeln von Hand produziert.
Deswegen mögen wir eher die Einzelbestellungen, weil
sie kaum mehr Arbeit bedeuten und es für den Verwender
eine Freude ist, dass er einen Bogen nach seinen Wünschen
kaufen kann.
Heute gibt es in Ungarn beim Bogenbauen keine
wirklichen Technologieunterschiede, die für die Bogenherstellung
nötigen Materialien sind für alle erreichbar. Die
Unterschiede liegen im Fachwissen und in der Demut
dem Beruf gegenüber. Ich hatte einen langen Weg von
der Mitte der 80-er Jahre bis heute von einer ungeheizten
Garage zum modernen Betrieb, aber das Wichtigste hat
sich nicht geändert, ich liebe meine Arbeit sehr."
|
|
Nur folgerichtig war es, dass er sich und
seinen Bogen immer wieder einem Langzeittest unterzog: 1998
war es das erste Mal, dass er zwölf Stunden lang, von sechs
Uhr früh bis sechs Uhr abends einen Galopp an den anderen
reihte, ohne Pause, abgesehen vom Wechsel der Pferde. Sein
Bogen war der Vorläufer des ersten Hunnenbogens, des Hirschen.
Sein langer, weicher Auszug, die geradlinige Beschleunigung
des Pfeils, die Leichtigkeit in der Handhabung - das waren
die Faktoren, die diesen ersten Rekord auch zum Erfolg werden
liessen: mehr als 1000 Pfeile in 286 Gallops, insgesamt
4238 Punkte, ein (Wettkampf-) Durchschnitt von 133 Punkten.
Aus dem ersten Rekord entstand aufgrund
der dabei gewonnenen Erfahrungen der Hirsch (ungarisch:
"Szarvas"). Ein ungewöhnlich grosser, asymmetrischer Bogen
(Sehnenlänge 153 cm, 60 2/8"), der sehr schnell sehr erfolgreich
wurde.
Wird das Zuggewicht bei den Massivglasbögen
durch die Anzahl der Glasfasern bestimmt, die in den Rohling
eingehen, so hat bei der nächsten Generation, der des Falken
(ungarisch "Solyom"), das Glas gar keinen Anteil mehr daran.
Auf einen doppelten Holzkern werden über die ganze Bogenlänge
zwei Fiberglasstreifen geklebt, deren Stärke nicht variiert:
sie werden nicht geschliffen, weil dies die Fasern schwächen
würde. Entscheidend für das Zuggewicht der laminierten Bögen
ist die Stärke des Holzkerns, auch der Verlauf der Maserung
darin. Der Falke wiegt nur mehr die Hälfte des Hirschen,
etwa 540 Gramm, mit schwarzem Glas belegt noch etwas weniger
und ist dann noch etwas schneller. Bei einer Sehnenlänge
von 155 cm (61") hat er einen Maximalauszug von 33". Auch
diesen Bogen erprobte Lajos in einem 12-Stunden Marathon.
An einem Samstag im Jahr 2002 schoss er fast 3000 Pfeile
und erreichte in 323 Galopps 7126,05 Punkte, was einen Wettkampfdurchschnitt
von 198,55 Punkten (zum Vergleich: die Weltrangliste von
2002 verzeichnet an erster Stelle eine Punktezahl von 183,95
Punkten, natürlich ebenfalls von Lajos erzielt) bedeutet.
Die Technik des berittenen Bogenschiessens
verlangt, dass der rechte Ellenbogen im Vollauszug auf Schulterhöhe
bleibt und nicht nach unten fällt, wie das bei einem überlangen
Auszug der Fall ist. Der Grund dafür ist, dass die Schulterlinie
den Weg des Pfeiles bestimmt und ihn ins Ziel bringt.
|
Schützen mit einer nur durchschnittlichen oder geringeren
Körpergrösse haben daher mit dem Falken ein Problem:
entweder sie nutzen die volle Auszugslänge, damit
die volle Kraft des Bogens und verlieren dabei die
Schulterlinie oder sie behalten die korrekte Technik
bei und verzichten auf einen guten Teil der Bogenenergie.
Lajos wurde dieses Problem wohl erst so richtig bewusst,
als er feststellen musste, dass sich seine Technik
unmerklich geändert hatte und sein Auszug kleiner
geworden war - nur mehr etwa 31", sein Bogen war ihm
zu lang geworden. Letztes Jahr begann er damit, die
Familie des Falken um zwei kleinere Geschwister zu
erweitern, den Falken II und III. Der Falke II hat
bei einer Sehnenlänge von 138 cm einen maximalen Auszug
von 32" und wird in Gewichten von 25 - 65 lbs hergestellt
(gemessen bei 30"), der Falke III hat bei einer Sehnenlänge
von 125 cm einen Maximalauszug von 30".
Mit der Entwicklung dieser Bögen, die erst im Frühjahr
2006 auf den Markt kamen, kann jeder berittene Bogenschütze,
unabhängig von Körpergrösse und Muskelkraft, das genau
für ihn passende Modell wählen.
|
Laminierte Hunnenbögen:

|
Auch die Griffstücke werden in verschiedenen
Dimensionen und Formen hergestellt: schlanker für kleinere
Hände, rund für den angenehmen Griff, kantig für das leichtere
Halten von vielen Pfeilen. Die Pfeilanlage, die beim ersten
Falken noch aus Bein war, ist heute aus Teflon und nur mehr
ein Punkt mit einem Durchmesser von 2 cm, der präzise in
der Gewichtsmitte des Bogens eingelassen ist. Wie gut der
Falke II wirklich ist, zeigte Lajos im Juni 2006, als er
zum ersten Mal 24 Stunden lang, von Samstag früh bis Sonntag
früh, durchgehend vom galoppierenden Pferd schoss: 661 Galopps,
5412 Schüsse, 15 596,43 Punkte, ein Wettkampfdurchschnitt
von 212,35 Punkten. Der Mann hielt, der Bogen hielt, und
beiden hielten sich grossartig.
Bogenschiessen vom Pferd ist, wie man sieht,
nicht nur ein Sport, sondern ein Kampfsport, nicht nur ein
Kampf, sondern eine Kampfkunst. Wer sich dazu entschliesst,
sich dieser Kampfkunst zu widmen, wird einen Lehrer finden
und einen Platz, an dem er oder sie lernen kann. Der Bogen
für sich ist zwar schon ein Kunstwerk, aber keines, das
an der Wand hängen will, sondern angemessen verwendet werden
möchte. Am Boden, auf dem Pferd, egal, es drängt ihn, seine
Kraft auszuspielen, die Energie, die der Schütze in ihn
einbringen kann, an den Pfeil in das Ziel weiterzugeben.
Johannes Fischnaller
Kassai Horseback Archery School Austria
zurück
|